Wenn Eltern älter werden…

… realisert man irgendwann, dass man selbst auch immer älter wird. Früher waren Leute in unserem Alter schon alt, Leute im Alter unserer Eltern waren uralt.

Und heute? Leute in unserem Alter sind erwachsen – die meisten jedenfalls – und Leute im Alter unserer Eltern sind, na ja, Eltern eben. Irgendwie schon immer da. So wie Elisabeth II., Königin von England.

Aber im Lauf der Zeit wird einem knallhart klar, dass Eltern eben nicht immer da sind, sondern irgendwann auch mehr oder weniger unerwartet „verschwinden“. Rein rational ist das nichts Besonderes, denn unser Leben endet irgendwann. Für den Einen zu früh, für den Anderen zu spät – der richtige Zeitpunkt scheint es immer gerade nicht zu sein. Für niemanden.

Das Leben geht weiter, man arrangiert sich mit der Lücke im Alltag. Und irgendwann kommt dann der Tag, an dem der elterliche Haushalt aufgelöst und von einer mehr altersgerechten Single-Wohnung abgelöst wird. Auf einmal tauchen all die im Elternhaus archivierten Dinge aus der eigenen Kindheit wieder auf und wollen vor dem endgültigen Verschwinden gerettet werden – in der neuen Elter-Wohnung (gibt es überhaupt einen Singular von Eltern?) haben sie keinen Platz mehr, also muss man sie plötzlich selbst übernehmen oder sich endgültig davon verabschieden. Genau wie man sich irgendwann (in relativ absehbarer Zeit) auch vom letzten noch verbliebenen Elternteil endgültig verabschieden muss.

Und dieser Gedanke ist der unangenehmste Teil der ganzen Geschichte. Die ganzen Begleitumstände lassen sich rational erklären und verstehen – es kommt eben der Tag, an dem man zu alt wird, um sich alleine um ein großes Haus mit großem Garten zu kümmern. Die Zeiten der Großfamilie mit mehreren Generationen unter einem Dach sind lange vorbei, bei uns gab es noch nichtmal die „Light“-Version mit mehreren Generationen im gleichen Ort oder wenigstens in der Nähe. Jeder steht auf eigenen Füßen, man telefoniert mehr oder weniger regelmäßig miteinander und einmal im Monat (ungefähr) sieht man sich auch, wenn die Termine passen. Solange man selber arbeitet, glaubt man ja immer, Rentner hätten Zeit. Ich weiß nicht, ob das auf andere Rentner zutrifft. Bei meinen Eltern war es definitiv nicht so, da hat sich die Verfügbarkeit mit dem Rentenalter nicht wirklich verbessert. Aber auch das ändert sich jetzt langsam – und bringt mich gedanklich wieder an den Anfang dieses Absatzes.

Ich will mich noch nicht mit dem Gedanken anfreunden, irgendwann in der ersten Reihe zu stehen. Das ist mir unangenehm. Auch wenn ich meinen Alltag ganz gut bewältigen kann, ohne an Mamas Rockzipfel zu hängen bzw. mich von Papas Hand durch die schwierigen Stellen führen zu lassen. Und auch wenn ich selber gerne die starke Hand bin, die durch die schwierigen Stellen führt. Dieses dann doch die volle Verantwortung für das eigene Leben in die eigene Hand nehmen, ohne sich bei den Vorbildern (die Eltern ja in aller Regel sind, ob wir das wollen oder nicht) absichern zu können, fühlt sich noch komisch an. Obwohl sich rein rational nichts ändert – ich lebe mein Leben schon lange, ohne dass meine Eltern sich einmischen.

Abschied ist immer irgendwie blöd, selbst wenn jedem Ende ein neuer Anfang innewohnt. Manche Dinge will man eben nicht loslassen. Und manche gewohnten Blickwinkel möchte man nicht aufgeben.

Im Alter gibt es keinen schöneren Trost, als dass man die ganze Kraft seiner Jugend Werken einverleibt hat, die nicht mitaltern.
(Schopenhauer)

Rosengesteck

Parable of Immortality

Zitat

I am standing upon the seashore.
A ship at my side spreads her white sails to the morning breeze
and starts for the blue ocean.
She is an object of beauty and strength,
and I stand and watch until at last she hangs
like a speck of white cloud
just where the sea and sky come down to mingle with each other.
Then someone at my side says,
“ There she goes! “
Gone where?
Gone from my sight . . . that is all.
She is just as large in mast and hull and spar
as she was when she left my side
and just as able to bear her load of living freight
to the place of destination.
Her diminished size is in me, not in her.
And just at the moment
when someone at my side says,
“ There she goes! “
there are other eyes watching her coming . . .
and other voices ready to take up the glad shout . . .
“ Here she comes! “

And that is dying.

Parable of Immortality
Henry van Dyke (1852-1933)

Oma ist jetzt ein Engel….

Ihr Gesundheitszustand hatte sich in den letzten paar Wochen dramatisch verschlechtert, die medizinische Prognose war ernüchternd: Sie wird vermutlich ihren Geburtstag am 24. März nicht mehr erleben. Noch vor ein paar Wochen sah das alles ganz anders aus, aber dann hat der hochgradig aggressive Krebs gnadenlos zugeschlagen und sich ausführlich ausgebreitet.

Sie wollte von niemandem mehr besucht werden, damit alle sie als aufrecht im Leben stehend in Erinnerung behalten – eben so wie wir sie zuletzt noch erlebt haben. Irgendwie hatte ich gestern abend schon ein mulmiges Gefühl, trotzdem wollte ich sie heute noch besuchen. Vorausgesetzt natürlich, ich hätte ihr Einverständnis bekommen; gute Argumente hätte ich gehabt, denn ich habe mit dieser Krankheit noch eine alte Rechnung offen…

Heute morgen um 7:23 kam eine knappe SMS:

G. ist erlöst.Sie ist heute nacht eingeschlafen.Ich fahr jetzt ins Krankenhaus.Meld mich später.

Bumm.

Jetzt ist Oma (ganz links mit dem lila Kleid) ein Engel und fliegt mit C. (Mitte, mit dem Krönchen) und Mama (rechts) zusammen am Himmel.

Warum C. und Mama mitfliegen tut nichts zur Sache, vermutlich weil wir dann alle zusammen sind. Obwohl Oma gestorben ist.

Twitter = Nachrichten?

In was für einer Welt leben wir eigentlich?“ fragen die Moderatoren von SWR3 gerne mal – genau diese Frage stellt sich mir angesichts des Webrauschens zur Loveparade jetzt auch.

Twitter. Laut der allwissenden Wikipediaeine Anwendung zum Mikroblogging. Es wird auch als soziales Netzwerk oder ein meist öffentlich einsehbares Tagebuch im Internet definiert.“ So hatte ich das bisher auch immer verstanden, aber offensichtlich wird das mehr oder weniger unreflektierte, spontane Gezwitscher der dort aktiven Leute gerne auch mal für bare Münze genommen und als „Nachrichten“ bewertet. Glaubt keiner? Doch? Zumindest ein lebender Beweis für „Twitter als Nachrichtendienst“ findet sich im privaten Blog eines Onlineredakteurs einer großen deutschen Boulevardzeitung, deren Namen ich hier nicht nennen werde. (Nein, es ist nicht die, an die jeder spontan denkt und die mit Bildern der Loveparade-Opfer gerade ungut auffällt.) Ich persönlich bin ja voll und ganz beim Autor, wenn es um die Kernaussage geht – „wenn man nichts zu sagen hat einfach mal die Fresse halten“ ist zwar polemisch formuliert, trifft aber schon irgendwie zu. Man muss nicht immer gleich zu allem und jedem seine Meinung in die Welt posaunen – und schon gar nicht wenn es sich um eine derartige Katastrophe wie gestern in Duisburg handelt.

Ich bin fest davon überzeugt, dass jeder halbwegs normale Mensch sich nicht über die vielen Toten und Verletzten freut – Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel: Twitter-User Lori_ftw meint „Da hats mal die richtigen erwischt, die Schwuletten haben sich selbst totgetrampelt, gibts was schöneres?“ (twitter.com/Lori_ftw/status/19432823274) (NB: mit Absicht nicht aktiv verlinkt, um diese Meinung nicht auch noch unnötig populär zu machen, ich sage nur: Pageranking) Wäre das nicht so dermaßen plattes Dünnbrettbohren würde mich doch fast interessieren, ob „Lori“… Ach nee, das ist mir einfach zu blöd, an solche Deppen muß man nicht auch noch virtuelle Tinte und Gedanken verschwenden.

Genauso fest bin ich davon überzeugt, dass man auch bestürzt sein kann, ohne das über Twitter (oder andere Social Media) kundzutun. Ich jedenfalls bin froh, dass ich niemanden kenne, der die Loveparade gestern besucht hat.

Das trifft den Nagel auf den Kopf. Vom Fußball kennt man das ja schon: gefühlte 80 Millionen Trainer hätten „ihre“ Mannschaft zum Titelgewinn gebracht – nur der eine, der dummerweise im real life der Trainer ist, hat es mal wieder nicht geschafft. Dank Twitter, Facebook usw. breitet sich dieses Phänomen jetzt auch auf alle anderen Aspekte des Lebens aus – was immer jemand getan hat, jemand anderes hätte es nach eigenem Bekunden besser machen können.

Aber ich schweife ab…… Eigentlich wollte ich doch zu Twitter als Nachrichtendienst noch was sagen….. Mag ja sein, dass man auf Twitter schnell Informationen zu Allem und Jedem finden kann, aber Nachrichten sind das IMHO wohl kaum, nicht mal auf dem Niveau einer Boulevardzeitung. Ich war bisher immer der Meinung, dass Nachrichten vor der Veröffentlichung irgendwie halbwegs gut recherchiert sein sollten – was sie aber leider auch nicht immer sind, auch im echten Leben wird gerne erst veröffentlicht und dann nochmal recherchiert. Hauptsache man ist Erster. Qualität wird ja sowieso generell überbewertet, Geiz ist geil und ich bin doch nicht blöd. Wer Informationen will, soll sie sich gefälligst selber suchen, steht doch alles im Internet.

Was ist denn Twitter zurückübersetzt nach Real Life? Ziemlich einfach: ich spaziere in einer größeren Stadt am Samstagnachmittag durch die Fußgängerzone und schnappe von den mich umgebenden Passanten Wort- und Satzfetzen auf. Auf ein Wort gebracht: Gerüchteküche. Höchstens. Eher noch weniger. Sowas kann man doch allen Ernstes höchstens als Anstoß für weitere Erkundungen verwenden, das sind doch noch keine Nachrichten. Ganz abgesehen davon, dass es sich bei Getwitter prinzipbedingt (und gewollt) um Momentaufnahmen handelt von denen die wenigsten wirklich dauerhaft sein dürften.

Bleibt zu hoffen, dass irgendwann mal der tatsächliche Hergang aufgeklärt sein wird und wir alle daraus für die Zukunft etwas lernen (was genau, bleibt dem Einzelnen überlassen). Ob und wer dann tatsächlich (als Bauernopfer oder „Schuldiger“) von irgendwelchen Ämtern zurücktritt und/oder vor Gericht für schuldig befunden wird, ist mir persönlich egal – die Toten bleiben tot und hinterlassen Lücken und den Überlebenden (wie z. B. Julia aus Duisburg, die ihre Retter sucht) wird es dadurch vermutlich nicht wirklich besser gehen.

Zu guter Letzt: Ja, auch ich habe einen Account bei Twitter, den ich mehr oder weniger regelmäßig benutze um irgendwelche Gedanken in die Welt zu tragen. Und ich habe auch schon einige interessante Tweets gelesen. Aber ich sehe Twitter trotzdem (oder gerade deswegen) nicht ernsthaft als Informationsmedium. Da kann ich mich auch irgendwo nett im Straßencafe hinsetzen und den Menschen zuhören.

Ich jetzt auch

So.

Da haben wir den Salat.

Auch ich habe mich entschlossen, mal jenseits von CMS und statischen Seiten meine eigene Loseblattsammlung anzufangen. Und dann auch noch öffentlich, da wo man eigentlich nichts Privates speichern sollte.

Wir werden sehen, wo das noch hinführt…..

Brauche ich jetzt womöglich auch noch einen Account bei Facebook und Twitter unter meinem echten Namen? Für Schüler- und StudiVZ ist der Zug abgefahren, aus dem Alter bin ich raus. Sogar schon eine ganze Weile.

Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum ich Privatsphäre und vor Kontrolle über private Daten allemal einem öffentlichen Dasein im Web 2.0 vorziehe. Mag sein, dass sich das irgendwann mal ändert.

Siehe oben: Wir werden sehen….