Parable of Immortality

Zitat

I am standing upon the seashore.
A ship at my side spreads her white sails to the morning breeze
and starts for the blue ocean.
She is an object of beauty and strength,
and I stand and watch until at last she hangs
like a speck of white cloud
just where the sea and sky come down to mingle with each other.
Then someone at my side says,
“ There she goes! “
Gone where?
Gone from my sight . . . that is all.
She is just as large in mast and hull and spar
as she was when she left my side
and just as able to bear her load of living freight
to the place of destination.
Her diminished size is in me, not in her.
And just at the moment
when someone at my side says,
“ There she goes! “
there are other eyes watching her coming . . .
and other voices ready to take up the glad shout . . .
“ Here she comes! “

And that is dying.

Parable of Immortality
Henry van Dyke (1852-1933)

Oma ist jetzt ein Engel….

Ihr Gesundheitszustand hatte sich in den letzten paar Wochen dramatisch verschlechtert, die medizinische Prognose war ernüchternd: Sie wird vermutlich ihren Geburtstag am 24. März nicht mehr erleben. Noch vor ein paar Wochen sah das alles ganz anders aus, aber dann hat der hochgradig aggressive Krebs gnadenlos zugeschlagen und sich ausführlich ausgebreitet.

Sie wollte von niemandem mehr besucht werden, damit alle sie als aufrecht im Leben stehend in Erinnerung behalten – eben so wie wir sie zuletzt noch erlebt haben. Irgendwie hatte ich gestern abend schon ein mulmiges Gefühl, trotzdem wollte ich sie heute noch besuchen. Vorausgesetzt natürlich, ich hätte ihr Einverständnis bekommen; gute Argumente hätte ich gehabt, denn ich habe mit dieser Krankheit noch eine alte Rechnung offen…

Heute morgen um 7:23 kam eine knappe SMS:

G. ist erlöst.Sie ist heute nacht eingeschlafen.Ich fahr jetzt ins Krankenhaus.Meld mich später.

Bumm.

Jetzt ist Oma (ganz links mit dem lila Kleid) ein Engel und fliegt mit C. (Mitte, mit dem Krönchen) und Mama (rechts) zusammen am Himmel.

Warum C. und Mama mitfliegen tut nichts zur Sache, vermutlich weil wir dann alle zusammen sind. Obwohl Oma gestorben ist.

Heute vor einem Jahr…..

Ich hatte zwei Tage Urlaub für ein langes Wochenende genommen, weil wir alle zusammen zur Geburtstagsfeier einer lieben Freundin eingeladen waren. Man macht halt Pläne, wenn man knapp 400 km anreisen muß….
Ich wollte vormittags in aller Ruhe das Auto beladen, mittags die Familie einsammeln und abends dann – quasi zum Vorglühen – mit den anderen Gästen am Ort des Geschehens eintreffen. Der eigentliche Geburtstag war schon vor zwei Tagen, aber einen 37. kann man ja auch nachfeiern, zumal wenn man einen verantwortungsvollen Job hat, in dem man ziemlich erfolgreich ist.

Der Tag begann wie geplant mit Ausschlafen, Frühstücken und leichtem Kofferpacken. So weit, so gut. Bis dann das Telefon klingelte und sich ein Kollege aus dem Büro meldete: „Tut mir leid, dass ich dich an deinem freien Tag störe, aber ich habe hier gerade einen total seltsamen Anruf für dich entgegengenommen… Irgendwie macht mir das Sorgen und deswegen wollte ich dir das mitteilen. Kennst du eine Frau XY oder so?“ „Ne, nicht direkt, der Name sagt mir nichts.“ „Die hat mir erzählt, sie müßte dich unbedingt erreichen. Ihr wäret alle zu einer Geburtstagsfeier eingeladen und bräuchtet aber jetzt nicht mehr loszufahren, weil das Geburtstagskind tödlich verunglückt ist?“ Das war der Moment, wo ich mich erstmal setzen musste um tief Luft zu holen. Nachdem ich dem Kollegen dann den Namen des Geburtstagskindes genannt hatte, war er in der gleichen Situation.

Im Nachhinein ist es erstaunlich, wie bei mir sofort erstmal der Verstand die Kontrolle übernommen hat – mir war irgendwie sofort klar, dass ich diese Aussage erstmal mit Fakten und weiteren Informationen widerlegen oder untermauern mußte. Zuerst Mails checken, dann das Internet befragen und dann sehen wir weiter. Es kam, was kommen mußte: besagte Frau XY war schon im Posteingang und bat um dringenden Rückruf. Dabei kristallisierte sich langsam die ganze Wahrheit heraus. Auf der Webseite der örtlichen Feuerwehr (Kopie als PDF) heißt es ganz sachlich

„12.08.2009, 20:22 Uhr: PKW-Unfall mit eingeklemmter Person, Autobahn A3, Fahrtrichtung Köln, km 79,4“,

die offizielle Polizeimeldung war nicht viel ausführlicher:

„Am Mittwoch, 12.08.09, gegen 20.10 Uhr, ereignete sich auf der A 3 in Höhe der Ortschaft Siershahn/Ww. ein Verkehrsunfall bei dem eine 37-jährige Fahrerin eines PKW ums Leben kam. Die Frau war mit ihrem BMW aus Richtung Frankfurt kommend in Fahrtrichtung Köln unterwegs, als sie offenbar bei starkem Regen ins Schleudern geriet. Der Wagen kam nach von der Fahrbahn ab und prallte in eine Baumgruppe.
Dieser Aufprall war so heftig, dass der Wagen völlig zerstört und die Frau nur noch tot geborgen werden konnte.“

Zack. Einfach so. Weg. Von einer Sekunde auf die andere. „Mitten aus dem Leben“, wie es so pathetisch heißt.

Ich habe an diesem Tag noch viele traurige Telefonate geführt und einigen Leuten den Tag vermiest – aber was blieb mir anderes übrig?

Und jetzt? Ein Jahr später ist es immer noch genauso unfassbar, auch wenn man sich mit der Zeit zwangsweise an den Gedanken gewöhnt. Immer wieder stolpert man im Alltag über Kleinigkeiten, die einen erinnern: Orte, Situationen, manchmal auch nur Worte. Dann ist sie wieder da, für einen kurzen Moment.

Es weht der Wind ein Blatt vom Baum,
von vielen Blättern eines,
das eine Blatt man merkt es kaum,
denn eines ist ja keines.
Doch dieses eine Blatt allein,
war Teil von unserm Leben.
Drum wird dies Blatt allein
uns immer wieder fehlen.

Und bald, wenn die Erinnerung nicht mehr so weh tut, werden wir die Geburtstagsfeier nachholen. Sie wollte uns alle in fröhlicher Runde zusammenbringen, und diesen Wunsch werden wir ihr erfüllen.